Zukunft bauen statt abwarten: Welche strategischen Themen NEVARIS-Geschäftsführerin Ruth Schiffmann 2026 sieht und setzt

Die Baubranche steht vor großen Herausforderungen, aber auch Chancen. Ruth Schiffmann, Geschäftsführerin bei der NEVARIS Bausoftware GmbH, gibt im Interview Einblicke in die aktuelle Marktentwicklung und ihre Erwartungen für 2026.

Das erfahren Sie im Interview mit Ruth Schiffmann:

 

  • Rückblick 2025 und Ausblick Bauwirtschaft 2026
  • Changemanagement beim Einsatz von KI
  • Softwarehersteller als Transformationstreiber
  • Nachhaltigkeitsanforderung und Informationssicherheit für kleine Betriebe
  • Wie NEVARIS Regularien 2026 erfüllt
  • Neuerungen auf der digitalBau 2026 in Köln

Das letzte Jahr hat die Baubranche erneut vor große Herausforderungen gestellt. Im Vorjahr war noch von einem „Silberstreif am Horizont“ die Rede.

Wie hat sich die Marktlage im Jahr 2025 entwickelt und was sind die Prognosen für das kommende Jahr?

 

Wenn man auf die Umsatzzahlen der Branche schaut, sieht man ein Wachstum von circa einem Prozent, was immerhin wieder positiv ist. Trotzdem ist noch immer Unsicherheit dabei, weil auch Auftragsstornierungen ein großes Thema sind. Hier waren Themen wie der Ausschreibungsstop der Autobahn GmbH nicht förderlich. Anhand der Zahlen lässt sich sagen: Ja, es geht aufwärts. Auf der anderen Seite gibt es aber noch viel Verunsicherung im Markt. Unsere Kunden brauchen verlässliche Investitionen – auch von der öffentlichen Hand.

Die Zahlen zeigen einen leichten Aufwärtstrend, dieser wird sich in 2026 aber beweisen müssen.

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Ruth Schiffmann

Geschäftsführerin NEVARIS

Die Wirtschaft hat also zu kämpfen. Gleichzeitig sind Digitalisierung und künstliche Intelligenz in aller Munde. Welche Themen beschäftigen Sie mit Blick auf 2026 besonders?

 

Digitalisierung bleibt weiterhin ein wichtiges Thema, wobei sich die Möglichkeiten, die sich in diesem Rahmen bieten, sehr stark und vor allem auch dynamisch verändern. KI eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Es geht nicht mehr nur darum, Prozesse zu digitalisieren. Wir haben die Chance, sie völlig neu zu denken. Dabei muss aber immer gelten: Künstliche Intelligenz nicht um der KI willen, sondern um echte Potentiale zu heben.

Wie gelingt es, die Menschen auf dieser Reise mitzunehmen?

Aktuelle Studien zeigen: 95 Prozent der KI-Projekte scheitern nicht an den technologischen Möglichkeiten, sondern daran, dass die Menschen nicht mitgenommen werden. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig Change Management und der Faktor Mensch sind. Insbesondere bei einer derartigen Transformation – die für uns alle neu ist – darf der Mensch nicht in den Hintergrund geschoben werden. Ziel muss sein, Akzeptanz zu generieren und die Fähigkeiten aufzubauen, Arbeitsweisen neu zu gestalten.

Welche Rolle spielen Softwareanbieter wie NEVARIS dabei, diese Transformation zu begleiten?

 

KI muss in der Software integriert, kein dediziertes Projekt sein. Also eine Evolution in den Lösungen. Als Softwareanbieter leben wir die KI-Transformation daher noch deutlich intensiver, als dies unsere Kunden tun.

Das Ergebnis für unsere Kunden müssen KI-Lösungen sein, die sich nahtlos in die Software und den Arbeitsalltag einfügen.

Geschäftsführerin Ruth Schiffmann Zur Bauprognose 2026

Ruth Schiffmann

Geschäftsführerin NEVARIS Bausoftware

So heben wir die Prozesse für NEVARIS- und 123erfasst-Anwender auf ein neues Level. Durch den Einsatz modernster KI zeigen wir, wie Mängelerkennung in Fotos automatisiert und Kalkulationen intelligent unterstützt werden. Besonders spannend: Der neue produktübergreifende AI-Assistent, der Anwendern hilft, wertvolle Erkenntnisse aus ihren Projekten zu gewinnen. Wir freuen uns bereits sehr, unsere vielfältigen Entwicklungen in den Bereichen KI, aber auch Nachhaltigkeit und BIM auf der digitalBAU 2026 in Köln zu  präsentieren.

Neben KI und Digitalisierung, welche weiteren Themen prägen die Agenda für 2026?

 

Ein weiteres, deutlich stärker kommendes Thema ist die Rechtskonformität (Compliance). Hier wird über Informationssicherheit mit dem Cyber Resilience Act und NIS 2 (Network and Information Security) gesprochen, aber auch im Bereich KI mit dem EU AI Act, den es einzuhalten gilt. Ein drittes Thema im Kontext Regularien und Compliance ist die Nachhaltigkeit. Wir sehen, dass in Deutschland und Europa stärkere Regulierungen auf uns zukommen werden.

Wie lassen sich Nachhaltigkeitsanforderungen und Informationssicherheit für kleine Betriebe praktisch und bezahlbar in die täglichen Prozesse integrieren?

 

Unabhängig von der Unternehmensgröße – auch hier gilt: unsere Kunden müssen sich darauf verlassen dürfen, dass unsere Software sämtliche Anforderungen abbildet. Gerade im Bereich der Informationssicherheit sehen wir selbst, wie umfangreich und komplex die Sicherstellung von Compliance ist. Das können kleinere Unternehmen teilweise gar nicht leisten. Daher muss es Aufgabe der Hersteller sein. Aber auch anbieterseitig steht noch offen, wer etwa die Anforderungen durch den Cyber Resilience Act umfassend umsetzen kann. Es wird nicht erwartet, dass dies für alle Anbieter machbar ist.

Terrasse Mit Blick Auf Begrünte Jahreszahl 2026

Angesichts dieser hohen Anforderungen und der Notwendigkeit von Zertifikaten: Wie stellt NEVARIS sicher, dass Ihre Produkte den aktuellen und kommenden Regularien, wie dem Cyber Resilience Act oder dem EU AI Act entsprechen?

 

Zum einen legen wir hohe Priorität auf Compliance. Es gilt: Compliance vor Features. Zum anderen arbeiten wir aber auch Marken-übergreifend innerhalb der Nemetschek Group an diesen Themen. Dedizierte, globale Abteilungen unterstützen uns. Denn Informationssicherheit, AI Act etc. – das sind umfangreiche Regulierungen, und um diese erst einmal sauber zu bearbeiten, braucht es eigene Ressourcen. Würde NEVARIS das als Stand-alone-Unternehmen machen müssen, wäre fraglich, ob es uns in dieser Qualität gelingen könnte.

Wo liegen aktuell die größten Hebel für Produktivitätssteigerungen im Mittelstand und bei kleinen Betrieben?

 

Digitalisierung beziehungsweise softwaregestützte Prozesse sind wichtig. Da liegt immer noch wahnsinnig viel Potenzial, gerade auch für kleine und mittelständische Unternehmen, die erst anfangen, sich in die Digitalisierung zu begeben. Kunden berichten mir von Zeiteinsparungen von mehr als 50 %. Was früher Tage dauerte, geht heute in Minuten. Wenn ein Kunde beispielsweise seinen Gesamtprozess von Ausschreibung/Kalkulation bis zur Abrechnung digitalisiert und jetzt nur noch die Hälfte der Zeit braucht, dann heißt das, dass er doppelt so viele Angebote erstellen kann oder aber in der Kalkulation noch mehr optimieren kann. Und das ist ein Wettbewerbsvorteil; denn in der Kalkulation entscheidet sich der Gewinn.

Viele Software-Lösungen adressieren große Unternehmen. Doch 123erfasst hat in 2025 die Kalkulationsfunktion für kleine und mittlere Unternehmen herausgebracht. Wie hat der Markt reagiert?

 

Wir bieten mit der 123erfasst-Kalkulation eine einfache Lösung zur Kalkulation und Angebotserstellung. Diese adressiert sowohl kleinere Betriebe als auch die größeren Unternehmen, die für Kleinprojekte eine schlanke Lösung präferieren. Zudem erweitern und verknüpfen wir unser Portfolio auf diesem Wege noch weiter: Einfach, ganzheitlich und durchgängig. Die Rückmeldungen der Kunden zeigen: „Das ist super einfach. Ich habe noch nicht einmal eine Schulung gebraucht und wir starten jetzt direkt flächendeckend mit der Kalkulation.“

Doch ist die Kalkulation zwingend der erste Startpunkt für die Digitalisierung?

 

Die Unternehmen sind individuell aufgestellt, jeder hat einen anderen Schmerzpunkt. Mit der 123erfasst-Plattform und ihrem modularen Aufbau ermöglichen wir, dort anzufangen, wo es aktuell am meisten weh tut – sei es Zeiterfassung, Planung, Dokumentation und Mängelmanagement, Gerätemanagement, Kalkulation oder auch Arbeitsschutz. Die Kunden werden dort abgeholt, wo sie heute stehen und auf ihrer Reise in die Digitalisierung begleitet. Auf der anderen Seite ist die Skalierbarkeit unendlich, man kann da nicht herauswachsen. Es funktioniert vom 1-Mann-Betrieb bis zum Konzern.

Welche neuen Funktionen und Entwicklungen stehen für 123erfasst und NEVARIS als Nächstes an?

 

Die Top 3 sind sicherlich KI, Nachhaltigkeit und Interoperabilität. Damit sprechen wir auch die größten Herausforderungen der Branche an: Produktivität und Nachhaltigkeit und das ist unser erklärtes Ziel. Interoperabilität bedeutet hierbei, dass wir sowohl unser eigenes Portfolio, aber auch Partner- und Fremdprodukte standardisiert in den Austausch bringen. Dies unterstreicht auch unsere klare Ausrichtung innerhalb der Gruppe hin zu noch mehr Offenheit und Durchgängigkeit.

Philip'S Ki Kolumne Nevaris

Philip’s KI-Kolumne

In seinem monatlichen LinkedIn-Newsletter gibt Philip Knoll frische Einblicke in aktuelle KI-Themen, zeigt, was ihn beruflich gerade bewegt, und wirft einen inspirierenden Blick auf die Bausoftware der Zukunft.

Das Thema BIM wird in der Branche kontrovers diskutiert, besonders Open BIM. Wie ist die Position von NEVARIS dazu?

 

BIM wird in der Zukunft eine große Rolle spielen, davon sind wir überzeugt. Auf der anderen Seite sieht man faktisch aber auch, dass sich die Branche deutlich langsamer in diese Richtung bewegt. Auch wenn einige behaupten, Open BIM sei nicht im Interesse der Softwareanbieter: Wir sprechen uns ganz klar für Offenheit und Interoperabilität aus. Klar macht das dem Wettbewerb mehr Platz, aber um die Branche voranzutreiben, muss Offenheit vorangetrieben werden. Mit der BIM-Lösung von NEVARIS Build werden Präzision und Durchgängigkeit bis hin zu den Kosten mit der automatischen Bemusterung und Mengenermittlung aus dem IFC-Modell heraus ermöglicht – und es ist egal, welches CAD-Tool für das Modell benutzt wurde, das ist einzigartig. Zudem ist Nachhaltigkeit im BIM-Workflow integriert. Man kann sich nicht nur die Kosten, sondern auch CO2-Werte anschauen, und im nächsten Schritt wird das Ganze noch weitergehen und Schattenpreise mit aufnehmen. So können dann auch CO2-Kosten eingepreist werden.

Ein weiteres Dauerthema ist der Fachkräftemangel. Welche konkreten Automatisierungsbeispiele aus der Praxis haben 2025 geholfen, Personalengpässe abzufedern?

 

Zum einen natürlich: Je mehr wir automatisieren und Prozesse effizienter machen, desto weniger Ressourcen/Personal benötigen wir für das gleiche Ergebnis. Zum anderen steht im Fokus des Fachkräftemangels das Fachwissen und tiefes Know-How. Hier werden KI und KI-Asisstenten helfen können, künftig auch weniger qualifizierte Mitarbeitende in die Lage zu versetzen,  komplexe Softwarelösungen zu bedienen, und so den Engpass zu verringern.

Die Integration von CO2-Werten in die Kalkulation bei NEVARIS Build ist ein wichtiges Thema im Kontext Nachhaltigkeit. Wie wurde diese Funktion angenommen?

 

Unsere Kunden bewerten die Möglichkeit durchweg sehr positiv und sehen Nachhaltigkeit, die in Prozessen enthalten ist, perspektivisch als sehr wichtig an. Entsprechend schätzen unsere Kunden, dass wir die Ökobilanz direkt in die Kalkulation integrieren. Heute ist es üblich, dass Expertensoftware für die ökologische Auswertung herangezogen wird. Wir führen in der Kalkulation Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zusammen und ermöglichen Varianten zu vergleichen und informierte Entscheidungen zu treffen. Dies sorgt für nachhaltige und ökonomische Projekte.

Nachhaltigkeit ist heute eine Haltung – morgen entscheidet sie über Wettbewerbsfähigkeit.

Geschäftsführerin Ruth Schiffmann Zur Bauprognose 2026

Ruth Schiffmann

Geschäftsführerin NEVARIS Bausoftware

Welche drei Chancen sollten Bau- und Handwerksunternehmen 2026 ergreifen, um gestärkt aus den aktuellen Herausforderungen zu kommen?

 

Erstens, Digitalisierung und Automatisierung – immer weiter den nächsten Schritt gehen. Zweitens, Nachhaltigkeit, und drittens, Compliance. Compliance wird künftig darüber entscheiden, ob Unternehmen überhaupt noch Aufträge erhalten. Wenn Regularien greifen, die auch die Auftraggeber in die Verpflichtung bringen, sicherzustellen, dass die Lieferanten compliant sind, wird es darüber entscheiden, ob man noch Aufträge bekommt oder nicht.

Welchen einen dringenden Appell richtet NEVARIS zum Jahreswechsel an Politik, Verbände und Unternehmen?

 

Gemeinsam Zukunft bauen – darauf sollten wir unsere Energie fokussieren.

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Wir ziehen Bilanz und sehen genauer hin, ob und wenn, wo das Sondervermögen der Bundesregierung ankommt.

Bildquelle: NEVARIS, Adobe Stock