Kritische Infrastruktur: 5 Beispiele mit Versorgungsausfällen

Wie schützen wir unsere systemrelevanten Versorgungswege?

 

In Deutschland ist es seit Jahrzehnten selbstverständlich, dass Strom aus der Steckdose kommt, dass Wasser aus dem Hahn fließt und Telekommunikation zu jeder Tag- und Nachtzeit verfügbar ist. Doch es gibt Ausnahmen. Der schwerwiegende Brand-Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin Anfang 2026 war so eine größere Ausnahme.

 

Bei Minustemperaturen und Schneefällen saßen von jetzt auf gleich zehntausende Menschen ohne Strom und Fernwärme in ihren dunklen Wohnungen und waren vom Netz abgeschnitten. Normalerweise hätten die hochkomplexen Reparaturarbeiten Wochen gedauert, doch Berlin gab Gas und schaffte es am Ende mit einer Not-OP an den unterirdischen Kabeln glücklicherweise in nur 4 Tagen, die Haushalte wieder mit Strom zu versorgen.

 

Ein schwerwiegender Versorgungsausfall, der jederzeit wieder auftreten kann. Aussagen der Politik – unsere kritische Infrastruktur könne nicht vollständig geschützt werden – sorgen zusätzlich für Unruhe. Doch was fällt eigentlich alles darunter? Wir schauen uns fünf Beispiele der kritischen Infrastruktur an, bei denen die Versorgung zeitweise ausfiel und prüfen mögliche Maßnahmen, die zukünftig bei der Sicherheit unterstützen könnten.

Definition: Was versteht man unter kritischer Infrastruktur?

Unter kritischer Infrastruktur werden bestimmte Versorgungsbereiche gruppiert, die systemrelevant sind. Die Bezeichnung kritisch beschreibt den Grad der Auswirkungen bzw. den Einfluss auf das System bei Störungen. Es geht also nicht, wie zu vermuten wäre, um die Beschaffenheit der Anfälligkeit dieser Sektoren.

 

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (Abk. BBK) hat offiziell 9 Kernsektoren der kritischen Infrastruktur (Abk. KRITIS) bestimmt:

  • Energie
  • Wasser
  • Ernährung
  • Transport und Verkehr
  • Finanz- und Versicherungswesen
  • Medien und Kultur
  • Staat und Verwaltung
  • Gesundheit
  • Informationstechnik und Telekommunikation

 

Ergänzt wurden sie durch die Siedlungsabfallentsorgung und digitale Infrastruktur; 2025 folgten weitere wie Weltraum, Chemie, Forschung oder auch Post und Kurier. Die Sektoren unterliegen einer stetigen Erweiterung und gesetzlichen Anpassung, wobei die Kernsektoren konstant bleiben.

Kritische Infrastruktur: Die Herausforderungen

Die Aufgabe der Politik ist es, kritische Infrastruktur als systemrelevant zu schützen und doch gibt es komplexe Herausforderungen, die eine hundertprozentige Absicherung vor externen Einflüssen maßgeblich erschweren:

  • zunehmende, komplexe (Cyber-)Angriffe,
  • veraltete IT-Systeme,
  • Fachkräftemangel,
  • wechselseitige Abhängigkeiten und Dominoeffekte zwischen Sektoren (z. B. Energie, Wasser, IT, Gesundheit) sowie
  • physische Gefahren wie Naturkatastrophen

 

Hinzu kommen strengere gesetzliche Anforderungen, die von den Betreibern kritischer Infrastrukturen umgesetzt werden müssen.

Die NIS-2-Richtlinie ist das zentrale EU-Regelwerk zur Erhöhung der Cybersicherheit von Netz- und Informationssystemen, insbesondere in kritischen Infrastrukturen wie Energie, Gesundheit, Transport und digitaler Infrastruktur. Herausfordernd ist sie, weil sie deutlich mehr Sektoren und Unternehmen erfasst, umfassende Risikoanalysen, strenge Meldepflichten (24/72 Stunden) und ein durchgängiges Sicherheits- und Business-Continuity-Management verlangt. Zudem macht sie Cybersicherheit zur Aufgabe der Geschäftsleitung, die Maßnahmen steuern, verantworten und regelmäßig überprüfen muss.

Kritische Infrastruktur: 5 Beispiele mit Versorgungsausfällen

In diesem Abschnitt zeigen wir 5 Vorfälle der letzten Jahre, in denen Sektoren der kritischen Infrastruktur (In Abb. dunkelrot hervorgehoben) angegriffen wurden und für Störungen bzw. Ausfälle gesorgt haben.

Kritische Infrastruktur Sektoren

KRITIS Sektoren: Eigene Darstellung in Anlehnung an Grafik des BBK

Notruf-Ausfall 110/112 im November 2021

Am 11. November 2021 waren die Notrufnummern 110 und 112 in mehreren Bundesländern für rund eine Stunde nicht erreichbar. Ausgelöst durch ein fehlerhaftes Software‑Update im Netz der Telekom wurde aus einer Routine‑Wartung ein flächendeckender Ausfall der zentralen Rettungsschnittstelle – mit provisorischen Fallback‑Nummern und Warnmeldungen als Notlösung. Der Fall zeigt, wie riskant Single‑Points‑of‑Failure in Kommunikationsketten sind und wie wichtig klar definierte, getestete Ausweichwege in Leitstellen und Netzinfrastruktur werden.

Infrastrukturversagen: Schneechaos im Münsterland

Im Jahr 2005 ereignete sich ein dramatischer Blackout im Münsterland, bei dem sichtbar wurde, was passiert, wenn kritische Infrastruktur auf Extremwetter nur unzureichend vorbereitet ist. Nassschnee und Sturm ließen Stromleitungen vereisen, Strommasten einknicken und trennten zeitweise rund 250.000 Menschen vom Netz.

 

In mehreren Kreisen wurde Katastrophenalarm ausgelöst, der öffentliche Nahverkehr brach teilweise zusammen, Straßen wurden unpassierbar und ganze Orte waren über Tage ohne Strom. Besonders hart traf es Gemeinden wie Ochtrup, wo Menschen bis zu sechs Tage ohne elektrische Versorgung auskommen mussten.

 

Die Ereignisse offenbarten strukturelle Schwächen: nicht ausreichende Widerstandsfähigkeit in Stromtrassen, unzureichend auf Extremwetter ausgelegte Leitungen und eine hohe Abhängigkeit von zentralen Versorgungssträngen. Im Nachgang wurden Leitungen verstärkt, Masten erneuert und Krisenpläne für längere Stromausfälle überarbeitet.

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Flugverkehr: Personalmangel an Flughäfen 2022

Im Sommer 2022 geriet der Flugverkehr in Deutschland ins Schleudern: Personalmangel an Flughäfen führte zu kilometerlangen Schlangen, massiven Verspätungen und tausenden Flugstreichungen. Während der Corona‑Pandemie abgebautes Personal und unbesetzte Stellen trafen auf rasant steigende Nachfrage – die Prozessketten vom Check‑in bis zur Gepäckabfertigung waren schlicht nicht mehr stabil zu fahren. Das Beispiel machte deutlich: Kritische Infrastruktur scheitert nicht nur an Technik, sondern auch an fehlendem personellem Kapital und einem zu stark auf Effizienz getrimmten Betrieb.

Sektor Gesundheit: Vorfall in Düsseldorfer Klinik

Durch einen Cyberangriff auf eine Uniklinik in Düsseldorf ereignete sich im September 2020 ein tragischer Vorfall im Kernsektor Gesundheit. Nachdem ein Ransomware‑Angriff zentrale IT‑Systeme der Uniklinik Düsseldorf lahmgelegt hatte, musste die Notfallversorgung eingeschränkt und Patientinnen und Patienten verlegt werden. Dabei verstarb eine Notfall-Patientin, die durch die Verlegung nur noch verspätet behandelt werden konnte.

Blackout in Berlin: Warum der Strom ausfiel und warum das wieder passieren kann

Blackout in Berlin und das für Zehntausende – im Winter! Tagelang befand sich der Südwesten in Berlin wegen eines linksextremistisch motivierten Brandanschlages an der Kabelbrücke über dem Teltowkanal in Lichterfelde im Ausnahmezustand. Wie aus dem Nichts stand ein Teil der Bevölkerung vor einem komplexen Problem, das sich nicht binnen weniger Stunden beheben ließ. Dank der Hilfsbereitschaft vieler, die nicht betroffen waren, organisierter Unterkünfte, die für Wärme und Strom sorgten und Informationsketten, konnte die prekäre Situation halbwegs glimpflich überstanden werden.

 

Bereits im September 2025 ereignete sich ein ähnlicher Anschlag auf die kritische Infrastruktur im Sektor Energieversorgung. Damals waren bis zu 86 Tausend Haushalte betroffen. Der Anschlag galt zwei Strommasten im Südosten Berlins und führte zu einem großflächigen Stromausfall, der ganze 60 Stunden anhielt.

 

Trotz schnellen Handelns zeigen die 5 Beispiele, dass eine Versorgungssicherheit bisher nicht vollständig gewährleistet werden kann. Doch ist das wirklich so oder hängt es am Ende wieder mehr am Geld als an den Möglichkeiten? Wie können insbesondere neue Technologien und moderne digitale Lösungen unsere kritische Infrastruktur stärker schützen?

Wie können wir unsere kritische Infrastruktur zusätzlich schützen?

Beim Brandanschlag in Berlin Anfang Januar wurde gezielt eine oberirdische Kabelbrücke als „Single Point of Failure“ angegriffen; genau an solchen exponierten Stellen können moderne Technologien den Schutz deutlich verbessern.

 

Die Lehren aus dem Blackout in Berlin:

  • Kritische Korridore müssen identifiziert werden: Kabelbrücken, Kanalkreuzungen, Brücken, Engstellen und Knotenpunkte mit hohem Schadpotenzial müssen als besonders schutzbedürftige Objekte eingestuft werden.
  • Single Points of Failure vermeiden: In Berlin fehlte ein zusätzlicher Einspeisepunkt für die betroffene Ringleitung; gefordert werden jetzt mehr Parallelleitungen für den Notfall sowie eine kritischere Prüfung solcher Engpässe.

 

Folgende Maßnahmen können den Schutzgrad kritischer Infrastruktur erhöhen:

 

Moderne Technik für solche Kabelbrücken

  • Video + KI direkt an der Brücke: Wärmebild- und Low-Light-Kameras mit KI-Analytik (Personenerkennung, Verweildauer, Flammen-/Raucherkennung) an Mast-/Brückenkonstruktion und Zuwegen würden verdächtige Aktivitäten frühzeitig melden.
  • Multisensorik am Objekt: Temperatur‑, Rauch‑/Gassensoren und Vibrationserfassung an der Brückenkonstruktion können Brandlegung (z.B. Anbringen und Zünden von Brandsätzen) in der Entstehung detektieren und exakt lokalisieren.
  • Drohnen- und mobile Türme: Mobile, KI‑gestützte Videoeinheiten oder Drohnenpatrouillen eignen sich für lange, schlecht einsehbare Trassenabschnitte und können im Krisenmodus auf Hinweislagen (Bekennerschreiben, Drohungen) fokussiert eingesetzt werden.

Netz- und Planungsmaßnahmen speziell nach Berlin

  • Teilweise Erdverkabelung / Verlegung: Politik und Netzbetreiber betonen nach dem Anschlag das Ziel, die letzten oberirdischen Anteile – also gerade solche Kabelbrücken – nach Möglichkeit zu reduzieren oder baulich stärker zu schützen.
  • Redundante Einspeisepunkte: Zusätzliche Einspeise- bzw. Umgehungswege verringern die Versorgungswirkung eines Anschlags erheblich; genau dies wird im Zuge der Debatte um das KRITIS-Dachgesetz gefordert.
  • Geheimhaltung sensibler Details: Fachleute fordern, Informationen zu exakten Trassen, Engstellen und Layouts weniger öffentlich zu machen, damit potenzielle Täter neuralgische Punkte nicht so leicht identifizieren können.

Physischer Schutz und Abschreckung vor Ort

  • Zugang erschweren: Zusätzliche Absperrungen, gesicherte Zugänge, Anti-Climbing-Maßnahmen und Beleuchtung an der Kabelbrücke selbst machen das Anbringen von Brandsätzen riskanter und zeitaufwendiger.
  • Kombinierte Überwachung: Vernetzung von Kameras, Sensorik und Streifen (Wachschutz, Polizei) mit klaren Interventionsplänen sorgt dafür, dass erkannte Auffälligkeiten an einem Objekt wie der Lichterfelder Kabelbrücke schnell überprüft werden können.

Die Resilienz der kritischen Infrastruktur hängt im hohen Maße von folgenden Faktoren ab:

  • ganzheitlichen Risikobewertung (All-Gefahren-Ansatz)
  • der technischen und organisatorischen Widerstandsfähigkeit (Modularität, Sektorenkooperation, Krisenmanagement)
  • der finanziellen Absicherung
  • der effektiven Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft

 

Das geht aus der Resilienzstrategie hervor, die von der Bundesregierung 2022 beschlossen wurde.

 

Die Politik steht in der Verantwortung einen Rahmen zu schaffen, in dem sensible, besonders schutzbedürftige Teile der kritischen Infrastruktur zusätzlich vor Angriffen abzusichern. Das am 10. September 2025 im Kabinett beschlossene KRITIS-Dachgesetz, soll mithilfe von sektorübergreifenden Mindestvorgaben für Resilienz-Maßnahmen sowie Meldepflichten für Störungen die Widerstandsfähigkeit der kritischen Infrastrukturen in Deutschland stärken.

 

Weniger öffentlich zugängliche Daten und mehr Resilienz: Darüber einigte sich am 29. Januar 2026 die Koalition und reagierte damit auf die Kritik an den bisherigen Schutzmaßnahmen für die kritische Infrastruktur. Der Zugang zu Daten soll zukünftig erschwert werden, um mögliche Angriffe zu erschweren.

 

Zusätzlich wichtig und unumgänglich ist die Eigenverantwortung in der Bevölkerung, die trotz weitestgehend selbstverständlichem Zugang zu allen Sektoren auf den Ernstfall im Rahmen der Möglichkeiten vorbereitet sein sollte. Dieses Bewusstsein kann durch Aufklärung von Behörden und Organisationen erhöht werden.

Fazit: Moderne Technologien leisten wichtigen Beitrag zum Schutz kritischer Infrastruktur

Kritische Infrastrukturen bilden das Rückgrat moderner Gesellschaften – sie sichern Energie, Kommunikation, Gesundheit, Mobilität und vieles mehr. Doch ihre Schutzbedürftigkeit wächst mit jeder neuen technologischen, gesellschaftlichen und geopolitischen Entwicklung. Die 5 aufgeführten Beispiele verdeutlichen, wie anfällig unsere Versorgungssysteme trotz fortschrittlicher Technik und gesetzlicher Vorgaben bleiben.

 

Um die Widerstandsfähigkeit zu stärken, braucht es eine Kombination aus smarter Technologie, normativer Klarheit und sektorübergreifender Zusammenarbeit. Moderne digitale Lösungen – von KI‑gestützter Überwachung über automatisierte Risikoerkennung bis hin zu resilienten Netzarchitekturen – bieten hier enorme Chancen. Sie machen Bedrohungen früher sichtbar, beschleunigen Reaktionen und ermöglichen präventive Schutzmaßnahmen, bevor es zum Ausfall kommt.

 

Die Einführung des KRITIS-Dachgesetzes und der NIS-2-Richtlinie sind wichtige Schritte, doch der Schutz endet nicht bei technischen Lösungen oder staatlichen Auflagen. Entscheidend ist ein gemeinsames Sicherheitsverständnis – von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung –, das Prävention, Redundanz und Eigenverantwortung gleichermaßen umfasst. Nur wenn diese Ebenen ineinandergreifen, kann kritische Infrastruktur auch in Krisenzeiten stabil bleiben.

 

Fotonachweis: Stock Adobe, NEVARIS

Lara Aissi, Marketing Managerin Nevaris

Zur Autorin

Lara Aissi verantwortet bei NEVARIS als Marketing Managerin im Bereich Content Marketing die strategische Kommunikation mit Kunden und Partnern in der Baubranche. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Aufbereitung von Trend- und Branchenthemen, politischen Entwicklungen sowie spannenden Insights und Interviews mit Kollegen, Kunden und Branchenpartnern.