Wie geht es der Baubranche in Corona-Zeiten?

Noch wird auf den Baustellen kräftig gearbeitet. Aber auch in Bauunternehmen machen sich die ersten Auswirkungen der Corona-Krise bemerkbar. Welche branchenspezifischen Stärken bieten jetzt Schutz? Wie geht man mit Lieferengpässen und Bauverzögerungen infolge der Pandemie um? Wir beantworten die drängendsten Fragen.

 

Überall flüchtet man ins Homeoffice, aber in Deutschland wird – anders als in einigen Schweizer Kantonen – immer noch gebaut. Der Grund: Auf vielen Baustellen sind die neuen Sicherheits- und Abstandsvorgaben einfacher einzuhalten als in einem Büro. Wenn es zudem Hygienemaßnahmen wie etwa angeschlossene Toiletten für die Beschäftigten gebe – keine „Dixiklos“ – sei ein Weiterlaufen der Arbeiten vertretbar, meint die Gewerkschaft IG Bau. Noch können etwa 75 Prozent aller Bauunternehmen ihren Betrieb weitestgehend am Laufen halten, so die Schätzung des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie.

 

Was die Baubranche jetzt stärkt

Kommt die Baubranche also nochmal mit einem blauen Auge davon? Eine seriöse Prognose lässt sich hier noch nicht stellen. Zu stark und unberechenbar sind aktuell die Schwankungen der Wirtschaft. Jedoch hat die Bauindustrie drei Asse im Ärmel, die Hoffnung machen.

Zum einen ist die Baubranche nicht so abhängig vom Export wie etwa der Maschinen- und Anlagenbau, so dass eine sinkende Nachfrage aus dem Ausland nicht sofort zu bedrohlichen Szenarien führt. Zweitens ist der Neubaumarkt als Investitionsmarkt stabiler als beispielsweise die klassischen Konsummärkte, da er eher von langfristigen Überlegungen gesteuert wird. Und drittens wird die Bauindustrie aus dem Ende einer Boomphase heraus mit der Pandemie konfrontiert. Viele Unternehmen können auf ein solides Polster an Auftragsreserven und Umsätzen zurückgreifen, das Notstände abfedert. Der zu befürchtende leichte Nachfragerückgang bei Neubauwohnungen und Neubauten wird die wenigsten Unternehmen an den Rand ihrer Existenz drängen.

 

Engpässe bei Arbeitskräften und Material

Probleme bereiten vielen Bau- und Immobilienfirmen derzeit aber die Quarantänebestimmungen und Grenzschließungen, da viele Bauarbeiter aus Osteuropa stammen. Zudem sind laut einer Blitzumfrage der Fachgemeinschaft Bau aktuell etwa 12 Prozent der Hochbaufirmen von Lieferschwierigkeiten betroffen. Lieferprobleme gibt es derzeit vor allem bei Baustahl und Fliesen. Zu Verzögerungen auf den Baustellen kommt es auch, weil in vielen Behörden derzeit keine Baugenehmigungen bearbeitet werden. Unternehmen berichten, dass in vielen Kommunen ein Stillstand bei den Genehmigungsprozessen herrscht.

 

Was tun bei Bauverzögerungen und Arbeitsausfall?

Was Sie jetzt wissen sollten: Bauverzögerungen, die von der Corona-Pandemie verursacht werden, sind laut Erlass des Bundesinnenministeriums als höhere Gewalt einzustufen. Strafen wegen verspäteter Fertigstellung fallen also weg. Auch in Österreich lässt das „Rundschreiben Nr. 15“ der Bundesinnung Bau vom 3. April, das einen ganz ähnlichen Inhalt hat, die Bauwirtschaft aufatmen.

Die Voraussetzung für die Entlastung der Bauunternehmen ist allerdings hier wie dort eine genaue Dokumentation, die Corona als Ursache belegt. Außerdem müssen Sie ausführen, welche Maßnahmen Sie ergriffen haben, um dennoch weiterarbeiten zu können. Mit einem digitalen Bautagebuch sind Sie hier auf der sicheren Seite.

Deutsche Bauunternehmen profitieren zudem ganz besonders vom erleichterten Zugang zu Kurzarbeitergeld, der rückwirkend zum 1. März 2020 wirkt. Auch Leiharbeitnehmer können nämlich künftig Kurzarbeitergeld beziehen, so eine der neuen Regelungen. Außerdem können Sie als Arbeitgeber jetzt schon Kurzarbeit anmelden, wenn mindestens 10 Prozent der Beschäftigten vom Arbeitsausfall betroffen sein könnten. Diese Schwelle lag bisher bei 30 Prozent der Belegschaft.

 

Hoffnungsvolle Zeichen

Ein erfreuliches Zeichen setzt auch der Erlass zur Vergabe während der Corona-Krise, den das Bundesminsterium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) am 3. April veröffentlicht hat. Laut ihm soll bei den Baumaßnahmen des Bundes weiter ausgeschrieben und geplant werden. Eine Klausel zum Umgang mit Bauablaufstörungen durch die Corona-Pandemie soll Fristverlängerungen für die Fertigstellung der Bauleistungen ermöglichen. Zudem sollen bei Ausschreibungen schon heute großzügige Angebots- und Ausführungsfristen vorgesehen werden. Ähnliche Überlegungen sind in Österreich und in der Schweiz im Gange.

Schaut man sich das Gesamtszenario an, so besteht Hoffnung, dass die Einschläge in der Baubranche nicht allzu brachial ausfallen werden. Ein Grund zur Entwarnung ist dies aber nicht. Handlungsempfehlungen gibt ein Leitfaden des Verbands der Bauindustrie „für den besonnenen Umgang mit Corona“. Im Anhang finden Sie Musterformulare und -briefe, mit denen Sie auf die typischen Problemszenarien aufgrund des Corona-Virus reagieren können – Bauablaufverzögerungen, „Passierscheine“ für Arbeitskräfte im Fall einer Ausgangssperre, Kurzarbeitergeld etc.

 

Hier geht’s zum Download des Leitfadens.

 

Bildnachweis: Unkas Photo/Shutterstock.com    Autor: Eva-Marion Beck

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