Nachhaltige Baustoffe – (K)ein Brief mit 7 Siegeln

Eva Marion Beck

Mit dem Anstieg umweltbedingter Erkrankungen und dem Heranwachsen einer „Indoor-Generation“ wird Wohngesundheit – und damit der Einsatz nachhaltiger Baustoffe – immer dringlicher. Eine echte Herausforderung für Investoren und Planer: Denn eine transparente Deklaration der Schadstoffwerte in Bauprodukten ist immer noch eher die Ausnahme. Unser Artikel soll Licht in den Dschungel der ökologischen Baustoffe bringen.

Wohngesundheit bedeutet, nachhaltige Baustoffe zu nutzen

Gerade in den letzten Jahren ist das öffentliche Bewusstsein für explizit „wohngesunde“, also emissionsarme und unbedenkliche Bauprodukte gewachsen:

Im Zuge der Energieeinsparverordnung wird immer luftdichter gebaut. In der Folge kann Feuchtigkeit zu Schimmelpilzbildung führen. Es besteht die Gefahr, dass sich Emissionen aus Möbeln sowie Wand- und Bodenbelägen zu einem gefährlichen „Schadstoffcocktail“ Neben einem Lüftungskonzept ist ein Innenausbau mit emissionsarmen Bauprodukten hier entscheidend. Vor allem bei Wohnungen und Büros, die in den 70er Jahren erbaut wurden, tritt die Problematik der Raumluftbelastung immer deutlicher zutage. Darauf reagieren öffentliche Auftraggeber mit einem immer stärkeren Augenmerk auf schadstoffarme Baumaterialien. Die Stadt Köln veröffentlicht zum Beispiel für Bau- und Sanierungsmaßnahmen eine Positivliste für Bauprodukte. Bauvorhaben werden bereits in der Planungsphase auf ihre Gesundheitsverträglichkeit geprüft, damit bei der Inbetriebnahme der Gebäude keine erhöhten Schadstoffkonzentrationen auftreten.

94 Prozent der Deutschen ist wichtig, dass ihr Haus so gebaut ist, dass es die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Bewohner unterstützt.

(Forsa-Umfrage „Trendbarometer Nachhaltigkeit 2018“
im Auftrag der Deutsche Fertighaus Holding (DFH) 

Keine einheitliche Kennzeichnung von ökologischen Baustoffen

Investoren und Planern wird es hinsichtlich der Produktdeklarationen schwer gemacht, gesund zu bauen. Unzählige Bauprodukte werden als „bio“ und „öko“ mit „gesundem Wohnen“ gleichgesetzt, obwohl sie gesundheitsschädliche und die Raumluft belastende Zusatzstoffe enthalten. Schadstoffe wie PCB, manche Inhaltsstoffe von Holzschutzmitteln, hormonell wirkende Flammschutzmittel und andere Weichmacher, Formaldehyd und flüchtige organische Verbindungen (VOCs) sind also auch noch in zahlreichen „neuen“ Bauprodukten enthalten. Zwar sind seit 2019 Angaben zu VOC in der CE-Kennzeichnung auf der Grundlage von Normungsaufträgen der Europäischen Kommission für eine Reihe von Bauprodukten verpflichtend. Dennoch existiert im von Sicherheitsvorschriften gepflasterten Deutschland keine einheitliche Deklarationspflicht für Hersteller, was Emissionswerte und gesundheitsschädliche Chemikalien in Bauprodukten betrifft.

Anlaufstellen für nachhaltige Baumaterialien

Die gute Nachricht ist: Es gibt sie, die „sauberen“ Baustoffe im Bereich der Fußbodenbeläge, Wohntextilien, Innenputze, Trockenbaumaterialien, Innendämmungen, Wandbeschichtungen, Fenster, Einbauten etc. – Bauprodukte, die Hersteller auf freiwilliger Basis nach strengen Emissionskriterien haben prüfen und zertifizieren lassen. Man muss sie nur ausfindig machen im Dschungel der Produkte mit von „Instituten“ und der herstellenden Industrie selbst kreierten „Öko-Gütezeichen“. Und das ist gar nicht so schwierig, wenn man die bekanntesten Anlaufstellen kennt.

Seriöse Informationsquellen sind die Listen des eco-Instituts und das Verzeichnis von natureplus. Die Arbeit dieser Institute wird von Fachkreisen als hochqualifiziert und herstellerunabhängig geschätzt. Die von ihnen zertifizierten Produkte müssen strenge, aufwändige Prüfungen durchlaufen.

Achten Sie auf diese Gütesiegel – mit Ihnen treffen Sie die richtigen Entscheidungen.

Nachhaltigkeit braucht ökologische Baustoffe von Anfang an

Wichtig beim wohngesunden Bauen sind der Blick aufs Ganze und eine saubere Ausführung. Alle am Bauprojekt Beteiligten sollten ins Boot geholt werden. Nachlässigkeit bei Dicht- und Fugenmassen, Klebern, Lacken, Holzbeschichtungen oder eine abschließende Politur können die Bemühungen um eine bessere Raumhygiene und -luftqualität zunichtemachen. Die Handwerker vor Ort müssen wissen, welche Konsequenzen eine falsche Handhabung der Produkte nach sich ziehen kann. „Wir haben unsere Handwerker bei den ersten Projekten in der Turnhalle zusammengetrommelt, um ihnen dort die Zusammenhänge und die Regeln des wohngesunden Bauens nahezubringen“, so Gisela Raab von Raab Bau, Trägerin des Bayerischen Ingenieurpreises für „Zertifizierte Wohngesundheit“ sowie des Ökobaupreises des deutschen Handwerks „Das gesunde Haus“.

Zusammengefasst: Unere Tipps für den Einsatz von nachhaltigen Baustoffen

Wer als Investor oder Planer zwar keine Gebäudezertifizierung anstrebt, aber mit dem Bauherrn eine abschließende Raumluftqualitätsprüfung vereinbart hat, sollte also zwei Basismaßnahmen ergreifen:

  • Zum einen ist es natürlich essentiell, mit größter Sorgfalt seriös zertifizierte emissionsarme Baustoffe auszuwählen.
  • Zum anderen gilt es, eine korrekte Arbeitsweise auf der Baustelle zu sichern, also Handwerker und Bauleiter entsprechend genau zu instruieren.

Folgende Regeln sollten die Handwerker auf der Baustelle beachten (Quelle: Sentinel-Haus-Institut):

  • Nur ausdrücklich freigegebene Bau- und Bauhilfsstoffe verwenden
  • Keine Verwendung bitumhaltiger Produkte in Innenräumen
  • Sofern nicht explizit freigegeben: Minimierungsgebot für Montageschäume
  • Staub, Rauch, Geruch entwickelnde Arbeiten nur im Außenbereich
  • Staub durch Absaugen mit geeigneten HEPA- oder HI-Staubsaugern unverzüglich entfernen
  • Entsorgung in bereitgestellte Container. Deckel schließen!
  • Darauf achten, dass über Bauöffnungen (Fenster/Türen) keine Problemstoffe in die Innenräume gelangen – z.B. Rauch oder Abgase
  • Bauheizung: Nur Geräte ohne Verbrennungsprozesse (Elektroheizung)
  • Baustelle täglich aufräumen, nach staubintensiven Arbeiten staubsaugen
  • Regelmäßig lüften, insbesondere in der Woche vor der Abschlussmessung

Vorteile von ökologischen Baustoffen

Die Vorteile der Verwendung nachgewiesen emissionsarmer Baustoffe liegen auf der Hand. Kompetenz in punkto Nachhaltigkeit und Gesundheit ist in der Branche immer noch ein Alleinstellungsmerkmal, das im Wert steigt, da immer mehr öffentliche und private Bauherren darauf achten. Bauunternehmen und Investoren profitieren in der Folge von besseren Vermarktungschancen, einem höheren Marktwert des Gebäudes, zufriedenen Kommunen und Nutzern, und nicht zuletzt von einem deutlichen Imagegewinn.

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